Kamerascheu

Vor der Kamera, das wusste Noa, entwickelte
sogar der selbstbewussteste Mensch eine sonderbare
Scheu – eine Mischung aus Abwehr und Angst.
Die Macht lag bei dem, der hinter der Kamera war,
denn im Unterschied zum Modell verbarg der Fotograf
sein Gesicht. Vor der Kamera war man schutzlos,
ausgeliefert, man stand da wie vor einer Frage,
auf die man keine Antwort wusste.
Wie sollte man aussehen – welches Gesicht wurde
von einem erwartet – ein schönes Gesicht?
War man denn schön? Fühlte man sich so,
wie man aussehen sollte?

– Isabel Abedi, “Whisper”